Leseprobe

Königin der Stäbe

 

Eine Königin ist die Gemahlin des Königs, und sie ist Herrscherin über das königliche Hauswesen. In der Welt der Stäbe steht sie im Marseiller Tarot für die dritte und höchste Stufe des höheren Selbst, das aus dem niederen Selbst erwächst (Farbtafel 8/B). Mit der Darstellung des niederen Selbst endete der vierte Tag der Genesis ("Zehn der Stäbe"), denn durch seine Erscheinungsform wurde das Selbstbewusstsein einer Persönlichkeit beschrieben, deren Denken um subjektiv wahrgenommene Gotteszeichen kreist und damit ausschließlich um sich selbst. Am fünften Tag geht es jetzt um eine Selbsterkenntnis, die sich allein durch Verantwortlichkeit gegenüber der Weisheit auszeichnet. Der Genesistext zu den drei Stufen des höheren Selbst lautet:

"Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen, und Vögel sollen über dem Land dahinfliegen. Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war. Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und bevölkert das Meer, und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: fünfter Tag."

(AT, Genesis 1,20-23).

 

Mit diesem Tag werden erstmals Geschöpfe genannt, die Augen haben, um in ihrem jeweiligen Lebenselement sehen zu können. Wie alle Begriffe in der Genesis sind auch die hier genannten Fische und Vögel Metaphern. Sie stehen für die selbstlose Sichtweise eines verantwortlich denkenden Menschen, der ein funktionierendes Gehirn braucht, um Bewusstsein entwickeln zu können. Auch eine selbstlose Sichtweise kann sich somit nur an verstandesmäßig Einsehbarem herausbilden. Als Lebensraum der Fische und Vögel wird ausdrücklich nicht die Erde genannt, denn das "Land" oder die Erde steht am Ende des vierten Tages für einen Menschen mit einer selbstbezogenen Persönlichkeit, deren Individuation hier als abgeschlossen vorausgesetzt wird. Der Lebensraum von Fischen ist das Wasser, außerhalb ihres Elements können sie weder leben noch gut sehen. So weiß der Fisch nichts vom Leben unter dem Himmel und auch nichts vom Leben auf der Erde, während der Vogel nichts vom Leben unter Wasser weiß, wohl aber etwas vom Leben unter dem Himmel, der über der Erde eine Tag- und eine Nachtseite hat. Obgleich sich Vögel am Himmel bewegen, sollen sie sich am fünften Tag doch ganz ausdrücklich auf der Erde vermehren.

 

Von den als unterschiedlich bezeichneten Vogelarten beschreibt die "Königin der Stäbe" die Sichtweise der Eule, die nur in der Nacht besonders scharfäugig ist. Die innere Eule steht für ein weises Sehertum, das sich für eine universelle Theologie einsetzt, denn mit ihrem Scharfblick auf die Sprache der Körperweisheit (siehe Zahlenkarten der Münzen – erster Tag) hat sie die unverfälschte Lehre von einem Reich Gottes im Inneren des Menschen klar vor Augen. Ihre Vermehrung auf dem "Land" geschieht durch eine Entlarvung von rituellen oder zeremoniellen Abhängigkeiten und unmündig haltenden Glaubensinhalten. Das "Land" ist wie der tiefste Punkt im Baum des Lebens auch hier eine Metapher für das Selbstbewusstsein eines Menschen, der distanzlos um eine planetarisch geprägte Zeichensprache Gottes kreist. Um seinetwillen setzt sich die innere Eule für eine Religion ein, die frei von Bewusstsein verhindernden oder Bewusstsein ausschaltenden Inhalten ist, denn solche Glaubensvorstellungen nützen nur dem Kreisen um das niedere Selbst, das sich ängstlich oder hoffnungsvoll an eine religiöse Bildwelt klammert, die ihm durch eine oberflächliche Übertragung von persönlichen Erlebnissen vertraut zu sein scheint. Eine rein verstandesmäßige Wahrnehmung von göttlichen Erscheinungsformen kann jedoch nicht zu einer Selbsterkenntnis führen, die zugleich Gotteserkenntnis ist. Das Sehertum einer inneren Eule gilt daher dem Universum im Inneren des physischen Körpers, das sie von allen gelehrten Denkmustern unabhängig macht. Diese Unabhängigkeit wirkt gegenüber erlerntem Wissen und Halbwahrheiten wie eine erschlagende Waffe, die sie verantwortungsvoll einsetzt, um unerlöste Seelen aus dem Gefängnis der Unwissenheit zu befreien. Die Unwissenheit der nur denkenden Menschen macht sie zu Abhängigen von oberflächlichen Erscheinungsformen, die einen bewussten Zugang zu der lebendigen Gegenwart Gottes im inneren Universum verhindern. Der persönliche Weg dieser Königin ist daher mit einer selbstgewählten Abkehr von vorgeschriebenen Lehrmeinungen über Glaubensinhalte verbunden.

 

Die Eule ist für viele Menschen ein eher unheimlicher Vogel. Sie symbolisiert mit ihren Augen den bewussten Einblick in das Wesen der Weisheit. Als ägyptische Hieroglyphe bedeutet Eule zugleich Nacht und Tod. In der griechischen Mythologie wird die nachtaktive Eule mit Athene, der Göttin der Weisheit, der Wissenschaften und der friedensstiftenden Kriegsstrategie in Verbindung gebracht. Das Symboltier ihres weiblichen Scharfsinns machte sie zu einer Seherin, die in die lichtlose Welt des inneren Wissens einzudringen vermochte. Athene galt als unbesiegbare, kämpferische Jungfrau, die sich niemals auf die Liebe mit Männern einließ. Sie war ihnen lediglich Ratgeberin und Kampfgefährtin. Ihre Rüstung oder ihr Kampfschild, die sie als unverletzliche Göttin darstellen, sind immer mit einem Medusenhaupt versehen (siehe S. 15). Das Medusenhaupt als Schutzgeist des geheimen, inneren Wissens, das in der Antike mit einem Mondkult verbunden war, wäre daher ebenfalls geeignet, die "Königin der Stäbe" zu deuten.

 

Die hebräische Mythologie erweist sich jedoch im Zusammenhang mit den Vögeln des fünften Tages am aufschlussreichsten, denn die Eule steht hier für Lilith, deren Mythos die "Königin der Stäbe" besonders eindrucksvoll zu entschlüsseln vermag. Lilith wird als Adams aufsässige, erste Frau beschrieben, die sich ihrem Mann nicht unterordnen wollte. So heißt es zum Beispiel, dass sie beim Liebesspiel die Position über dem Mann bevorzugte. Als Adam sie unter sich zwingen wollte, soll sie ihn verlassen haben, um bis in alle Ewigkeit an den Wassern des Roten Meeres zu leben. Lilith wird zudem wie ein gefährlicher Nachtdämon oder auch wie ein Windgeist beschrieben.

Abb. 16: Lilith, eine babylonisch-assyrische

Göttin der Frühzeit, Ur um 2000 v. Chr. In

der hebräischen Mythologie gilt sie als erste

Frau von Adam, die sich ihm nicht unterordnen

wollte. Ihre Eulenattribute verweisen auf die

Weisheit des physischen Körpers. Mit Eulen-

füßen steht sie hier auf Löwen, den Zeichen

ihrer weiblichen Macht. Die beiden Ring- und

Stabsymbole in ihren Händen symbolisieren

den ewigen Kreislauf des Lebens sowie Anfang

und Ende alles Gestalthaften.

Auch als Windgeist entspricht ihr Standort im Baum des Lebens dem sonst verborgenen Mond-Punkt, dem zugleich der zentrale Luft-Punkt zugeordnet ist (Farbtafel 4/A). Der Sterblichkeit von Adam (hebr. Mensch) und Eva (Chawwa – hebr. Belebung) entging sie deshalb, weil sie sich vor dem Sündenfall im Garten Eden von Adam trennte. Lilith und Eva beschreiben jedoch nicht zwei Frauen im Leben von Adam, sondern zwei vollkommen unterschiedliche Kräfte, die der Mensch entweder in sich entwickelt (Lilith) oder aber, die er von außen her kommend, zur Belebung (Eva) seines göttlichen Potentials antrifft. Lilith verkörpert das Potential einer universellen Bewusstheit, das in jedem Menschen seit dem fünften Tag angelegt ist, während Eva für die selbstbestimmte Belebung (Baum der Erkenntnis) von nicht verwirklichtem Potential steht. Lilith gehört zu den sechs Schöpfungstagen im ersten Teil der Genesis, während Eva zum Garten Eden gehört, der erst im zweiten Teil der Genesis genannt wird. In der Bibel ist Lilith nicht namentlich erwähnt. Als verschlüsseltes Bildsymbol jedoch für eine innere scharfsichtige Eule ist sie bis in alle Ewigkeit im Menschen wie ein völlig unabhängiges, vielen daher dämonisch erscheinendes Wesen gegenwärtig. Im Marseiller Tarot wird sie durch die "Königin der Stäbe" dargestellt, deren auf Gelehrte so erschlagend wirkendes Wissen aus ihrem bewussten Einblick in das Wesen der göttlichen Weisheit stammt. Da allen Vögeln in der Genesis auferlegt ist, sich auf der Erde zu vermehren, soll das Sehertum der inneren Eule hier der Befreiung all jener Menschen dienen (Land – Erde – "Zehn der Stäbe"), die noch einer Verantwortungslosigkeit gegenüber ihrem inneren Wissen verhaftet sind. Die "Königin der Stäbe" beschreibt die Freiheit des Denkens von allen verschleiernden, dogmatischen oder unmündig haltenden Glaubenssätzen und damit auch die Unabhängigkeit des Menschen von allen Ritualen, Regeln und Vorschriften. Ihre unangreifbare Unabhängigkeit lässt sie für Menschen, die sich an religiöse Dogmen klammern, selbstherrlich, überheblich und gefährlich oder gar dämonisch und hexenhaft erscheinen. Für alle, die sich ihrem Wissen öffnen, ist sie jedoch eine Heilige.

 

 

Auch die letzte Stufe des höheren Selbst hat für andere Wege zur Bewusstheit keine Augen, weil es sich ausschließlich auf die Sprache der Weisheit konzentrieren soll. Ihr Reichtum an Wissen ist daher kein erlerntes Wissen, wie es durch ein Studium von Schriften oder durch Lehrer erworben wird, sondern ein Wissen, das durch Intuitionen zum Vorschein kommt, die als innere Lehrmeister im Menschen gegenwärtig sind. Diese Lehrmeister der Weisheit wollen dem Menschen jetzt einen bewussten Einblick in das göttliche Universum gewähren, das sich seit dem ersten Tag der Genesis im Inneren des Menschen verbirgt. Die innere Eule steht daher nicht für den Weg eines Gelehrten, sondern für den Weg einer Seherin.

 

 

Rabi’a, eine islamische Mystikerin aus Basra (gestorben 801), gibt in einer berühmten Geschichte ein Beispiel für die Unabhängigkeit einer von Weisheit durchdrungenen Heiligen, die irreführende und unmündig machende Verschleierungen durch demonstrative Handlungen aufdeckte. Als sie einmal in einer Straße von Basra gefragt wurde, warum sie eine Fackel in der einen Hand und einen Eimer in der anderen Hand trage, antwortete sie: "Ich will Feuer ans Paradies legen und Wasser in die Hölle gießen, damit diese beiden Schleier verschwinden und es deutlich wird, wer Gott aus Liebe und nicht aus Höllenfurcht oder Hoffnung aufs Paradies anbetet."
(Zitat aus "Mystische Dimension des Islam", von A. Schimmel, Insel Verlag 1995)

 

 

Die "Königin der Stäbe" ist im geradlinig aufwärts verlaufenden Rückweg durch den Baum des Lebens dem sonst verborgenen Mond-Punkt zugeordnet. Mit seinem farblos hellen Licht stellt er den Gegenpol zum grau-braunen Erd-Punkt dar, denn sein Licht entsteht aus der Summe aller farbigen Lichtwellen, während der Erd-Punkt mit seiner grau-braunen Farbe für die Summe aller Farbpigmente steht. Sobald einer dieser Pole dominiert, wird der jeweilige Gegenpol unwirksam. Der Mond setzt daher die Anziehungskraft der Erde außer Kraft. Tritt die sonst verborgene Weisheit in das Bewusstsein des Menschen ein, wird das Kreisen um die eigene Persönlichkeit aufgehoben. Anstatt um sich selbst zu kreisen, können sich die befreiten Gedanken jetzt auf die Körpersprache der Weisheit konzentrieren. Die Vermehrung auf dem "Land" geschieht daher am wirkungsvollsten durch demonstrative Handlungen, die auf denkende Menschen, die bewusst nach einem Ausweg aus religiösen Suggestionen und Sackgassen suchen, anziehender wirken als unmündig haltende Glaubensinhalte.

 

 

Betrachtet man das Tarotbild, so fällt auf, dass nur diese Königin ganz besonders wild und herausfordernd dargestellt ist. Sie trägt lange offene Haare, die sich, wie die Schlangen am Haupt der Medusa, um ihren Kopf und ihre Schultern bewegen. Im Mittelalter trugen nur unverheiratete und somit von einem Mann noch unabhängige Frauen offene Haare. Bei dieser Königin sind sie ein Zeichen für ihre Unabhängigkeit von Lehrmeinungen, wie sie durch die Kirche oder andere religiöse Organisationen verbreitet werden. Als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit trägt sie eine Krone mit Lilienzeichen. Ihr Blick ist nach rechts auf das Ziel ihres Weges gerichtet, denn auf das gleiche Ziel nach rechts blicken auch alle anderen Personen in diesem Hofstaat. Legt man den "König der Stäbe" links neben sie, so schaut sie ins Leere. Legt man den "König der Stäbe" jedoch rechts neben sie, wie einen Bräutigam, dem sie als Braut versprochen ist, so sieht man, dass ihre Augen auf die rechte Hand des Königs gerichtet sind, die einen großen Taktstock bewegt. Ein solcher Taktstock wurde im Mittelalter von Tanzmeistern benutzt. Sie schlugen mit ihm auf den Boden, um den Takt anzugeben, nach dem Tanzschritte gesetzt wurden. Die Königin blickt wie gebannt auf die göttlichen Vorgaben für ihren persönlichen Weg zur Selbsterkenntnis, denn alles, was sie mit ihrem Sehertum bewirken kann, beruht auf seiner Lenkung. Die Überlegenheit der Braut gegenüber allen anderen Untertanen des Königs hat ihre Ursache in einem Treuegelöbnis, durch das ihre Freiheit gesichert ist. Dieses Gelöbnis verbindet sie mit ihrem göttlichen Tanzmeister, der ihre Schritte aus der Distanz leitet, ohne selbst am Tanz beteiligt zu sein. Die Braut des Tanzmeisters kann sich daher am Tanz um göttliche Wahrheiten ohne gelehrte Vorgaben beteiligen, da ihre Liebe keiner Lehrmeinung gilt, sondern dem göttlichen Wegweiser zur Weisheit, dessen rhythmische Vorgaben sie durch die Sprache ihrer Körperweisheit wahrnimmt. Ihr Freiheitsgelöbnis verleiht ihr somit auch die Sicherheit, Ansichten über ein Paradies oder eine Hölle zu entlarven, denn der göttliche Tanzmeister will ihr, im Gegensatz zu gelehrten Tanzpartnern, nur aus Liebe anvertraut werden und nicht aus Furcht vor Verlassenheit oder Hoffnung auf Sicherheit. Die innere "Königin der Stäbe" ist somit eine jungfräuliche Braut Gottes, die sich ihrem göttlichen Bräutigam aus Liebe versprochen hat, weil sie sich mit seinem Wesen, das in ihr als Weisheit lebendig ist, innerlich verbunden fühlt.


Besonders auffallend ist bei dieser Königin auch die Form ihres Stabes, der sich von allen anderen Stäben im Marseiller Tarot unterscheidet. Er ist wie eine schwere Keule geformt. Im Mittelalter dienten solche Keulen als Angriffs- oder Verteidigungswaffen. Der keulenförmige Stab steht daher hier für die Waffe der Weisheit, die auf Menschen mit oberflächlichen Gottesvorstellungen erschlagend wirkt. Die Keule wird von der Königin mit ihrer rechten Hand im Schoß festgehalten, aus dem sie aufgerichtet bis in Kronenhöhe reicht. Das Schwergewicht der Keule liegt auf ihrer Schulter, denn sie hat eine große Verantwortung für die Befreiung aus Abhängigkeiten auf ihre Schultern geladen. Ihr Schoß symbolisiert die weiblich geprägte Weisheit des physischen Körpers und der Stab die männliche geprägte Treffsicherheit einer universellen Bewusstheit, die Grenzen sprengen will. Die Keule könnte hier auch wie ein phallisches Symbol für das Eindringen des verstandesmäßigen Bewusstseins in die lichtlose Finsternis des physischen Körpers gedeutet werden, die erst jetzt, am fünften Tag der Genesis, durch das Element Feuer erhellt wird. Das geschwungene Gewand unterhalb der keulenartigen Stabverdickung verweist auf eine Bewegung, die ihr bewusster Einblick in das Wesen der Weisheit nach außen hin bewirkt. Sie ist wie eine Öffnung dargestellt. Da die "Königin der Stäbe" als Seherin in die sonst verborgene Welt der Weisheit einzudringen vermag, stellt sie wie Lilith eine weiblich geprägte Macht über die Finsternis in Adam selbst dar, die er nur fürchten muss, wenn er sich ihrer Anziehungskraft in sich nicht mit seinem verstandesmäßig geprägten Bewusstsein öffnet.

 

 

Den Gürtel dieser Königin schmücken sieben Punkte, die auf den siebten Himmelskörper verweisen, der im abwärts verlaufenden Baum des Lebens nicht sichtbar wurde, denn das farblos helle Mondlicht wird erst im aufwärts verlaufenden Rückweg für die letzte Bewusstseinserhellung wirksam, wenn die sechs farbigen Himmelslichter sich zu einer farblosen Summe von Lichtwellen vereint haben. Dieses Licht steht jetzt für die Selbsterkenntnis eines Menschen, der die sechs Erlebnisse mit der Zeichensprache Gottes (Zahlenkarten der Stäbe im unteren Himmel) nicht mehr subjektiv wahrnimmt, sondern als Aufforderung, sie unabhängig von sich selbst als universelle Erscheinungen des kosmischen Bewusstseins ("As der Stäbe") anzusehen. Der kristallin geformte Horizont verweist auf die Lichtsumme der universellen Bewusstheit, die hier anziehender wirkt als die lichtlose Subjektivität eines verstandesmäßigen Bewusstseins, das ohne Einsicht in die klare Struktur der inneren Gesetzmäßigkeiten funktioniert.

 

 

Im Körper Adams, dem Urbild des Menschen, steht die "Königin der Stäbe" für das Potential einer Gotteserkenntnis im eigenen Selbst, die auf einer Unabhängigkeit von Gelehrsamkeiten basiert. Der persönliche Weg eines Menschen zur Selbsterkenntnis ist daher hier mit einer selbstverantwortlichen Abkehr von genormten Denkmustern verbunden, denn er erlebt die Weisheit seines Körpers als universelle Zeichensprache Gottes, deren allgemeingültige Äußerungen er durch Augen öffnende Handlungen demonstrieren soll. Wie eine Braut bei einer Verlobung hat er sich einem göttlichen Gemahl versprochen, der seine Konzentration auf die inneren Gesetzmäßigkeiten des Lebens liebt.

 

Die Weisheit als Lehrerin der Tugend wird im Alten Testament folgendermaßen beschrieben:


"Sie habe ich geliebt und gesucht von Jugend auf, ich suchte sie als Braut heimzuführen und fand Gefallen an ihrer Schönheit. Im Umgang mit Gott beweist sie ihren Adel, der Herr über das All gewann sie lieb. Eingeweiht in das Wirken Gottes, bestimmte sie seine Werke. Ist Reichtum begehrenswerter Besitz im Leben, was ist dann reicher als die Weisheit, die in allem wirkt?

 

Wenn Klugheit wirksam ist, wer in aller Welt ist ein größerer Meister als sie? Wenn jemand Gerechtigkeit liebt, in ihren Mühen findet er die Tugenden. Denn sie lehrt Maß und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, die Tugenden, die im Leben der Menschen nützlicher sind als alles andere.

 

Wenn jemand nach reicher Erfahrung strebt; sie kennt das Vergangene und errät das Kommende, sie versteht, die Worte schön zu formen und Rätselhaftes zu deuten; denn sie weiß im Voraus Zeichen und Wunder und kennt den Ausgang von Perioden und Zeiten."

 

(AT, Weisheit (Salomos), 8,2-8).

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